Was ist ADHS?

ADHS steht für Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-/Hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung und ist ei­ne neu­ro­ent­wick­lungs­be­ding­te Stö­rung. Sie ist durch ein an­hal­ten­des Mus­ter von Un­auf­merk­sam­keit und/oder Hy­per­ak­ti­vi­tät so­wie Im­pul­si­vi­tät ge­kenn­zeich­net, das über das al­ters­ent­spre­chen­de Maß hin­aus­geht und sich spür­bar auf All­tag, Ent­wick­lung oder Funk­ti­ons­fä­hig­keit aus­wirkt. ADHS be­ginnt in der Kind­heit und kann bis ins Ju­gend- und Er­wach­se­nen­al­ter be­stehen bleiben.

Ty­pi­sche An­zei­chen sind zum Bei­spiel nur schwer die Auf­merk­sam­keit län­ger bei ei­nem The­ma oder Sa­che auf­recht­zu­er­hal­ten, Auf­ga­ben zu or­ga­ni­sie­ren, Rei­ze zu fil­tern oder Im­pul­se zu kon­trol­lie­ren. Man­che Be­trof­fe­ne wir­ken eher un­ru­hig und im­pul­siv, an­de­re vor al­lem ver­träumt, un­kon­zen­triert oder schnell men­tal er­schöpft. Des­halb kann sich ADHS von Per­son zu Per­son sehr un­ter­schied­lich zeigen.

ADHS ist kei­ne Fra­ge von man­geln­der In­tel­li­genz, feh­len­der Mo­ti­va­ti­on oder schlech­ter Er­zie­hung. Viel­mehr han­delt es sich um ein Stö­rung neu­ro­na­ler Reiz­ver­ar­bei­tung, wo­durch un­ter an­de­rem Auf­merk­sam­keit, An­trieb, Selbst­steue­rung und Ver­hal­tens­re­gu­la­ti­on an­ders ver­ar­bei­tet wer­den. Gleich­zei­tig kön­nen die Be­schwer­den un­ter­schied­lich stark aus­ge­prägt sein, je nach Le­bens­pha­se, Be­las­tung, Um­feld und Anforderungen.

Für ei­ne ADHS-Dia­gno­se ist wich­tig, dass die Sym­pto­me nicht nur vor­über­ge­hend oder wäh­rend au­ßer­ge­wöhn­li­cher Be­las­tun­gen auf­tre­ten, son­dern dau­er­haft über län­ge­re Zeit be­stehen und in meh­re­ren Le­bens­be­rei­chen wie in Schu­le, Be­ruf, Be­zie­hun­gen oder im Fa­mi­li­en­all­tag re­le­vant sind. Ei­ne sorg­fäl­ti­ge Ab­klä­rung hilft da­bei ADHS von an­de­ren Ur­sa­chen für An­triebs- und Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me oder im­pul­si­ves Ver­hal­ten zu un­ter­schei­den und pas­sen­de Un­ter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten zu finden.

Ist ADHS ei­ne Modediagnose?

Die Sym­pto­me von ADHS wer­den be­reits seit über 200 Jah­ren li­te­ra­risch beschrieben.

ADHS ist kei­ne Mo­de­dia­gno­se, aber die Dia­gno­sen ha­ben in den letz­ten Jah­ren deut­lich zu­ge­nom­men, was manch­mal die­sen Ein­druck ent­ste­hen lässt.

Alex­an­der Crich­ton (1798)
Der schot­ti­sche Arzt be­schrieb in sei­nem Buch “An In­quiry in­to the Na­tu­re and Ori­gin of Men­tal De­r­an­ge­ment” Kin­der und Er­wach­se­ne mit ei­ner aus­ge­präg­ten Un­fä­hig­keit, Auf­merk­sam­keit zu halten . Die­se Be­schrei­bung gilt heu­te als ei­ne der frü­hes­ten Dar­stel­lun­gen von ADHS-ähn­li­chen Symptomen.

Hein­rich Hoff­mann (1845)
Der deut­sche Arzt und Au­tor schrieb im Kin­der­buch „Der Struw­wel­pe­ter“ die Ge­schich­te vom „Zap­pel­phil­ipp“, die ein sehr leb­haf­tes, im­pul­si­ves und un­ru­hi­ges Ver­hal­ten be­schreibt. Ob­wohl es ein li­te­ra­ri­sches Werk ist, wird es oft als frü­he kul­tu­rel­le Dar­stel­lung von ADHS interpretiert.

Ge­or­ge Fre­de­rick Still (1902)
Der bri­ti­sche Kin­der­arzt hielt Vor­trä­ge über Kin­der mit Im­pul­si­vi­tät, man­geln­der Selbst­kon­trol­le und Auf­merk­sam­keits­pro­ble­men. Die­se Be­schrei­bung gilt als ers­te wis­sen­schaft­li­che kli­ni­sche Dar­stel­lung ei­nes ADHS-ähn­li­chen Störungsbildes.

Neu­ro­na­le Unterschiede

Bei ADHS zei­gen sich kei­ne „ein­zel­nen de­fek­ten Hirn­area­le“, son­dern eher sub­ti­le Un­ter­schie­de in der Zu­sam­men­ar­beit meh­re­rer Hirn­netz­wer­ke. Be­son­ders be­trof­fen sind Netz­wer­ke die für Auf­merk­sam­keit, Im­puls­kon­trol­le, Hand­lungs­pla­nung, Mo­ti­va­ti­on und die Re­gu­la­ti­on in­ne­rer Un­ru­he wich­tig sind. Stu­di­en be­schrei­ben vor al­lem Un­ter­schie­de in fron­to­stria­ta­len Netz­wer­ken so­wie in der In­ter­ak­ti­on zwi­schen dem De­fault-Mo­de-Netz­werk und auf­ga­ben­be­zo­ge­nen Kontrollnetzwerken.

Die­se neu­ro­na­len Be­son­der­hei­ten sind kei­ne Fra­ge von Wil­lens­schwä­che oder man­geln­der Dis­zi­plin. Sie be­schrei­ben viel­mehr, dass Auf­merk­sam­keit, Selbst­steue­rung und Reiz­re­gu­la­ti­on im Ge­hirn et­was an­ders or­ga­ni­siert sind. Für die Dia­gnos­tik reicht des­halb kein Hirn­scan aus. Ent­schei­dend bleibt im­mer die sorg­fäl­ti­ge kli­ni­sche Ab­klä­rung der Sym­pto­me im Alltag.

De­fault Mo­de Net­work (Ru­he­zu­stands­netz­werk)

Das De­fault Mo­de Net­work ist ein Netz­werk im Ge­hirn, dass vor al­lem dann ak­tiv ist, wenn wir uns  nicht auf ei­ne Auf­ga­be fo­kus­sie­ren, son­dern nach in­nen ge­rich­tet den­ken, wie beim Tag­träu­men oder ge­dank­li­chen Ab­schwei­fen. Bei ADHS zeigt sich häu­fig, dass die­ses DMN nicht aus­rei­chend oder lan­ge ge­nug „her­un­ter­re­gu­liert“ wird, wenn ei­ne Auf­ga­be zu er­le­di­gen ist. Da­durch bleibt die in­ne­re Ge­dan­ken­ak­ti­vi­tät be­stehen, ob­wohl Auf­merk­sam­keit nach au­ßen ge­rich­tet sein sollte.

Das kann da­zu füh­ren, dass Be­trof­fe­ne leich­ter ab­ge­lenkt sind häu­fi­ger ge­dank­lich ab­schwei­fen so­wie Schwie­rig­kei­ten ha­ben, bei ei­ner Auf­ga­be zu bleiben. 

Kurz ge­sagt: Bei ADHS ge­lingt das Um­schal­ten zwi­schen Ru­he­mo­dus und auf­ga­ben­fo­kus­sier­ter Auf­merk­sam­keit oft we­ni­ger ef­fi­zi­ent. Das kann da­zu bei­tra­gen, dass Be­trof­fe­ne leich­ter ab­ge­lenkt sind, häu­fi­ger ge­dank­lich ab­schwei­fen oder Mü­he ha­ben, ih­re Auf­merk­sam­keit über län­ge­re Zeit sta­bil zu halten.

Sa­li­enz­netz­werk

Das Sa­li­enz­netz­werk ist ein zen­tra­les Ge­hirn­netz­werk, das da­bei hilft, wich­ti­ge Rei­ze zu er­ken­nen und die Auf­merk­sam­keit ge­zielt zu steu­ern. Es ent­schei­det ge­wis­ser­ma­ßen was ge­ra­de re­le­vant ist und schal­tet zwi­schen dem „in­ne­ren Den­ken“ (De­fault Mo­de Net­work) und dem Exe­ku­ti­ven Kon­troll­netz­werk hin und her. 

Bei ADHS zeigt sich häu­fig ei­ne ver­än­der­te oder in­ef­fi­zi­en­te Steue­rung die­ses Netz­werks. Rei­ze wer­den ent­we­der zu stark oder zu we­nig ge­wich­tet und der Wech­sel zwi­schen Fo­kus und Ab­schwei­fen funk­tio­niert we­ni­ger zu­ver­läs­sig. Ty­pi­sche Fol­gen sind ei­ne ho­he Ab­lenk­bar­keit durch an­de­re Rei­ze, Schwie­rig­kei­ten beim Fest­le­gen von Prio­ri­tä­ten so­wie Pro­ble­me mit Über- oder Un­ter­re­ak­ti­on auf äu­ße­re Reize.

Kurz ge­sagt: Das Sa­li­enz­netz­werk ar­bei­tet bei ADHS oft we­ni­ger prä­zi­se, wo­durch es schwer­fällt Wich­ti­ges von Un­wich­ti­gem zu un­ter­schei­den und die Auf­merk­sam­keit pas­send zu steuern.

Exe­ku­ti­ve Kontrollnetzwerk

Das Exe­ku­ti­ve Kon­troll­netz­werk ist ein neu­ro­na­les Netz­werk, das für ge­ziel­te Auf­merk­sam­keit, Pla­nung, Im­puls­kon­trol­le und Selbst­steue­rung ver­ant­wort­lich ist. Es hilft uns bei ei­ner Auf­ga­be zu blei­ben, Ab­len­kun­gen aus­zu­blen­den und Hand­lun­gen be­wusst zu steu­ern. Die­ses Netz­werk ist da­für zu­stän­dig, wie gut je­mand sein Ver­hal­ten steu­ert, wenn man be­reits auf­merk­sam ist.

Bei ADHS ar­bei­tet die­ses Netz­werk häu­fig we­ni­ger ef­fi­zi­ent oder in­sta­bil. Da­durch fällt es schwe­rer die Auf­merk­sam­keit auf­recht­zu­er­hal­ten, Hand­lun­gen zu struk­tu­rie­ren oder Im­pul­se zu kon­trol­lie­ren. Ty­pi­sche Fol­gen sind ei­ne schnel­le Ab­lenk­bar­keit, Schwie­rig­kei­ten mit Pla­nung und Or­ga­ni­sa­ti­on, im­pul­si­ves Ver­hal­ten so­wie Pro­ble­me bei der kon­se­quen­ten Be­en­di­gung von Aufgaben.

Kurz ge­sagt: Wäh­rend das „in­ne­re Ge­dan­ken-Netz­werk“ (DMN) oft zu ak­tiv bleibt, ist das Kon­troll­netz­werk bei ADHS zu we­nig wirk­sam, um Auf­merk­sam­keit ge­zielt zu steuern.

Be­loh­nungs- und Motivationsnetzwerke

Das Be­loh­nungs- und Mo­ti­va­ti­ons­netz­wer­ke steu­ern, was wir als loh­nend emp­fin­den und wie stark wir mo­ti­viert sind et­was zu tun. Es ist eng mit dem Bo­ten­stoff Do­pa­min ver­bun­den und spielt ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei An­trieb, In­ter­es­se und Durchhaltevermögen.

Bei ADHS ar­bei­tet die­ses Netz­werk oft an­ders: Be­son­ders so­for­ti­ge Be­loh­nun­gen wir­ken stark, wäh­rend lang­fris­ti­ge Zie­le we­ni­ger mo­ti­vie­rend sind. Ty­pi­sche Fol­gen sind Schwie­rig­kei­ten, sich für „lang­wei­li­ge“ oder lang­fris­ti­ge Auf­ga­ben zu mo­ti­vie­ren, häu­fi­ges Auf­schie­ben (Pro­kras­ti­na­ti­on) von be­stimm­ten Auf­ga­ben, ei­ne star­ke Re­ak­ti­on auf un­mit­tel­ba­re Rei­ze oder Be­loh­nun­gen so­wie ein schnel­ler Mo­ti­va­ti­ons­ver­lust bei feh­len­der Rückmeldung. 

Kurz ge­sagt: Bei ADHS ist das Gleich­ge­wicht im Be­loh­nungs­sys­tem ver­scho­ben und das Ge­hirn re­agiert stär­ker auf so­for­ti­ge An­rei­ze als auf lang­fris­ti­ge Zie­le, was Mo­ti­va­ti­on und Durch­hal­ten er­schwe­ren kann.

Auf­merk­sam­keits­netz­wer­ke

Die Auf­merk­sam­keits­netz­wer­ke im Ge­hirn sor­gen zu­sam­men da­für, dass wir uns ge­zielt auf et­was kon­zen­trie­ren, Rei­ze fil­tern und fle­xi­bel re­agie­ren kön­nen. Da­zu ge­hö­ren vor al­lem das dor­sa­le Auf­merk­sam­keits­netz­werk (fo­kus­sier­te, wil­lent­li­che Auf­merk­sam­keit) und das ven­tra­le Auf­merk­sam­keits­netz­werk (Re­ak­ti­on auf neue oder un­er­war­te­te Rei­ze). Auf­merk­sam­keits­netz­wer­ke sind da­für zu­stän­dig, wor­auf je­mand sei­ne Auf­merk­sam­keit richtet. 

Bei ADHS ist das Zu­sam­men­spiel die­ser Netz­wer­ke oft ge­stört oder in­sta­bil. Die ge­ziel­te Auf­merk­sam­keit fällt schwe­rer auf­recht­zu­er­hal­ten, wäh­rend gleich­zei­tig ei­ne er­höh­te Emp­find­lich­keit ge­gen­über Ab­len­kun­gen be­stehen kann. Ty­pi­sche Fol­gen sind Schwie­rig­kei­ten bei der Auf­recht­erhal­tung der Auf­merk­sam­keit über län­ge­re Zeit, häu­fi­ges Ab­schwei­fen oder Un­ter­bre­chen von Auf­ga­ben, star­ke Ab­lenk­bar­keit durch äu­ße­re Rei­ze so­wie Pro­ble­me beim fle­xi­blen Wech­sel zwi­schen Aufgaben.

Kurz ge­sagt: Die Auf­merk­sam­keits­netz­wer­ke ar­bei­ten bei ADHS we­ni­ger sta­bil zu­sam­men, wo­durch es schwer­fällt die Auf­merk­sam­keit ge­zielt zu steu­ern und bei ei­ner Sa­che zu bleiben.

Do­pa­min

Do­pa­min ist ein wich­ti­ger Bo­ten­stoff (Neu­ro­trans­mit­ter), der im Ge­hirn Si­gna­le zwi­schen Ner­ven­zel­len über­trägt. Es spielt ei­ne zen­tra­le Rol­le für Mo­ti­va­ti­on, Be­loh­nung, Ler­nen und Be­we­gung. Do­pa­min wird be­son­ders dann aus­ge­schüt­tet, wenn wir et­was An­ge­neh­mes er­le­ben oder er­war­ten (z. B. Er­folg, Lob oder Es­sen). Es ver­stärkt Ver­hal­tens­wei­sen, die zu po­si­ti­ven Er­geb­nis­sen füh­ren, hilft Ge­wohn­hei­ten auf­zu­bau­en und re­agiert be­son­ders stark auf Be­loh­nung oder der Er­war­tung ei­ner Be­loh­nung. Des­halb ler­nen wir schnel­ler, was sich „lohnt“.

Wir­kung: Es si­gna­li­siert dem Ge­hirn „Das war gut und mach mehr da­von!“ und stei­gert Mo­ti­va­ti­on und An­trieb. Do­pa­min sorgt im Ge­hirn da­für, dass je­mand über­haupt bei ei­ner Auf­ga­ben dran­blei­ben möchte.

Bei ADHS funk­tio­niert das Do­pa­min­sys­tem oft we­ni­ger ef­fi­zi­ent. Es wird schnel­ler ab­ge­baut oder wie­der auf­ge­nom­men und die Si­gnal­wir­kung ist da­durch schwä­cher oder kür­zer. Be­son­ders be­trof­fen sind Be­rei­che wie der prä­fron­ta­le Kor­tex und das Be­loh­nungs­sys­tem. Da­durch be­kommt das Ge­hirn we­ni­ger „Be­loh­nungs­si­gna­le“ für all­täg­li­che Auf­ga­ben. Wenn Do­pa­min fehlt, fällt es schwer bei ei­ner Auf­ga­be zu blei­ben, die Ge­dan­ken schwei­fen schnel­ler ab und es wird schwe­rer struk­tu­riert und or­ga­ni­siert zu sein.

Nor­ad­re­na­lin

Nor­ad­re­na­lin ist ein wich­ti­ger Bo­ten­stoff im Ge­hirn, der vor al­lem für Auf­merk­sam­keit, Wach­heit und Re­ak­ti­ons­be­reit­schaft zu­stän­dig ist. Er hilft da­bei den Fo­kus zu hal­ten, Rei­ze zu fil­tern und in pas­sen­den Mo­men­ten ak­tiv zu werden.

Wir­kung: Es wirkt wie ein „Fo­kus und Ak­ti­vie­rungs­reg­ler“ im Ge­hirn. Zu we­nig Nor­ad­re­na­lin führt zu Un­kon­zen­triert­heit, Mü­dig­keit und Ab­schwei­fen. Zu viel führt zu in­ne­rer Un­ru­he, Stress und Überreaktion.

Bei ADHS ist die Re­gu­la­ti­on von Nor­ad­re­na­lin häu­fig un­aus­ge­gli­chen oder in­sta­bil, ins­be­son­de­re im prä­fron­ta­len Kor­tex, dem Be­reich für Pla­nung und Selbst­steue­rung. Das führt da­zu, dass die Auf­merk­sam­keit schnell schwankt, äu­ße­re Rei­ze schwe­rer ge­fil­tert wer­den, es schwie­rig ist bei ei­ner Auf­ga­be zu blei­ben und Re­ak­tio­nen manch­mal zu schnell oder zu stark erfolgen.

ADHS-Me­di­ka­men­te

ADHS-Me­di­ka­men­te zie­len dar­auf ab die Si­gnal­über­tra­gung durch  Do­pa­min und Nor­ad­re­na­lin zu sta­bi­li­sie­ren bzw. zu ver­bes­sern. Sie hel­fen dem Ge­hirn die Auf­merk­sam­keit, Mo­ti­va­ti­on und das Ver­hal­ten bes­ser zu steu­ern, al­so ge­nau die Funk­tio­nen, die bei ADHS oft be­ein­träch­tigt sind. Zur Be­hand­lung von ADHS wer­den vor al­lem zwei Grup­pen ein­ge­setzt, die so­ge­nann­ten Sti­mu­lan­zi­en und Nicht-Sti­mu­lan­zi­en. Sie un­ter­schei­den sich in Wirk­wei­se, Ge­schwin­dig­keit und Einsatzgebiet

Wenn ADHS-Me­di­ka­men­te von Men­schen oh­ne ADHS ein­ge­nom­men wer­den, wir­ken sie an­ders. Bei ADHS be­steht ein Un­gleich­ge­wicht im Do­pa­min- und Noradrenalinsystem und die Me­di­ka­men­te glei­chen die­ses aus. Bei Men­schen oh­ne ADHS hin­ge­gen wird das vor­han­de­ne Gleich­ge­wicht in Rich­tung „zu viel“ ver­scho­ben. Das kann zu Stress­re­ak­tio­nen im Ge­hirn und Kör­per führen.

Häu­fi­ge Ne­ben­wir­kun­gen bei Per­so­nen oh­ne ADHS  sind ge­stei­ger­te in­ne­re Un­ru­he oder Ner­vo­si­tät, Schlaf­stö­run­gen, Herz­klop­fen oder er­höh­ter Puls, Ap­pe­tit­ver­lust, Zit­tern oder An­span­nung, er­höh­te Reiz­bar­keit, Angst­ge­füh­le oder in­ne­re An­span­nung, Stim­mungs­schwan­kun­gen. In hö­he­ren Do­sen kön­nen auch pa­ra­no­iden Gedanken entstehen.

Be­gleit­erkran­kun­gen

Sehr häu­fig tre­ten wei­te­re psy­chi­sche oder kör­per­li­che Er­kran­kun­gen gleich­zei­tig auf. ADHS kann sol­che Be­gleit­erkran­kun­gen auf meh­re­re Wei­se ver­stär­ken, mit­prä­gen oder schwe­rer er­kenn­bar ma­chen.

Zum ei­nen er­hö­hen ty­pi­sche ADHS-Sym­pto­me wie Im­pul­si­vi­tät, emo­tio­na­le Dys­re­gu­la­ti­on, in­ne­re Un­ru­he, Ab­lenk­bar­keit und Schwie­rig­kei­ten in der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on grund­le­gend die All­tags­be­las­tung. Da­durch kön­nen zu­sätz­li­che Stö­run­gen leich­ter ent­ste­hen oder ei­nen be­las­ten­de­ren Ver­lauf neh­men. Leit­li­ni­en be­to­nen des­halb, dass bei Er­wach­se­nen mit ADHS im­mer auch nach zu­sätz­li­chen psy­chi­schen, neu­ro­ent­wick­lungs­be­zo­ge­nen und kör­per­li­chen Pro­ble­men ge­sucht wer­den sollte.

Am häu­figs­ten tre­ten psy­chi­sche Be­gleit­erkran­kun­gen. We­ni­ger be­kannt ist, dass auch  kör­per­li­che Be­gleit­erkran­kun­gen ge­häuft be­schrie­ben wer­den. In neue­ren wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten wer­den bei Er­wach­se­nen mit ADHS un­ter an­de­rem Schlaf­stö­run­gen, Adi­po­si­tas, Asth­ma, Mi­grä­ne, Epi­lep­sie, Typ-2-Dia­be­tes und kar­dio­vas­ku­lä­re Er­kran­kun­gen häu­fi­ger ge­fun­den als bei Er­wach­se­nen oh­ne ADHS. Be­son­ders Schlaf­stö­run­gen sind kli­nisch be­deut­sam, weil schlech­ter Schlaf Auf­merk­sam­keit, Reiz­bar­keit und emo­tio­na­le Sta­bi­li­tät zu­sätz­lich verschlechtert.

Angst­stö­run­gen zei­gen sich bei er­wach­se­nen Men­schen mit ADHS oft als stän­di­ge in­ne­re An­span­nung, Grü­beln, Ver­mei­dungs­ver­hal­ten oder Über­for­de­rung in so­zia­len und be­ruf­li­chen Si­tua­tio­nen. Angst kann die Kon­zen­tra­ti­on zu­sätz­lich ver­schlech­tern. Dann wirkt es nach au­ßen manch­mal so, als sei nur die Auf­merk­sam­keit ge­stört, ob­wohl bei­des zu­sam­men vorliegt.

Au­tis­mus-Spek­trum kann bei Er­wach­se­nen mit ADHS zu­sätz­lich vor­kom­men. Dann zei­gen sich ne­ben Auf­merk­sam­keits- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­ble­men oft auch Be­son­der­hei­ten in so­zia­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on, ein star­kes Be­dürf­nis nach Struk­tur, in­ten­si­ve Spe­zi­al­in­ter­es­sen oder Reiz­emp­find­lich­keit. Das ist wich­tig für die Dia­gnos­tik, weil sich bei­de Stö­rungs­bil­der teil­wei­se über­lap­pen und ge­mein­sam den All­tag stär­ker be­las­ten können.

Bi­po­lar an­mu­ten­de Sym­pto­me sind durch pha­sen­haf­te Ver­än­de­run­gen der Stim­mung ge­kenn­zeich­net, mit Epi­so­den von De­pres­si­on so­wie Ma­nie oder Hy­po­ma­nie. Da­bei kön­nen zeit­wei­se deut­lich ge­stei­ger­ter An­trieb, ver­min­der­ter Schlaf­be­darf, in­ne­re Ge­trie­ben­heit, er­höh­te Reiz­bar­keit oder ein über­stei­ger­tes Selbst­ge­fühl auftreten.

De­pres­si­ve Stö­run­gen sind eben­falls häu­fig. Ty­pisch ist, dass die dau­er­haf­te Über­for­de­rung durch Or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­ble­me, Miss­erfolgs­er­leb­nis­se, Be­zie­hungs­stress oder be­ruf­li­che Schwie­rig­kei­ten das Ri­si­ko für de­pres­si­ve Sym­pto­me er­hö­hen kann. Gleich­zei­tig muss dia­gnos­tisch sau­ber un­ter­schie­den wer­den: Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me, An­triebs­man­gel und Ver­gess­lich­keit kön­nen so­wohl bei De­pres­si­on als auch bei ADHS vor­kom­men. Die Leit­li­ni­en und Re­views be­to­nen des­halb die ge­naue Ab­gren­zung nach Be­ginn und Ver­lauf der Symptome. 

Ess­stö­run­gen sind psy­chi­sche Er­kran­kun­gen, bei de­nen das Ess­ver­hal­ten, die Be­schäf­ti­gung mit Ge­wicht, Fi­gur oder Kör­per­bild und oft auch das Ge­fühl von Kon­trol­le so stark be­ein­träch­tigt sind, dass dar­aus see­li­sche, so­zia­le und kör­per­li­che Fol­gen ent­ste­hen. Be­son­ders häu­fig fin­den Ess­an­fäl­len, Bu­li­mie und emo­tio­na­les Es­sen statt.

Per­sön­lich­keits­ak­zen­tu­ie­run­gen sind über­dau­ern­de und si­tua­ti­ons­über­grei­fen­de Mus­ter im Er­le­ben und Ver­hal­ten, die sich vor al­lem auf das Selbst­bild, die Emo­ti­ons­re­gu­la­ti­on, die Im­puls­kon­trol­le und zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen aus­wir­ken. Man­che Be­schwer­den kön­nen über­schnei­den sich mit ty­pi­schen ADHS-Sym­pto­men. So kön­nen bei ADHS be­reits Im­pul­si­vi­tät, emo­tio­na­le In­sta­bi­li­tät, Kon­flik­te in Be­zie­hun­gen, Un­si­cher­heit im Selbst­wert oder Schwie­rig­kei­ten mit Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz auftreten. 

Schi­zo­phre­nie ist ei­ne sel­te­ne­re, aber wich­ti­ge mög­li­che Be­gleit­erkran­kung. Es kön­nen ne­ben Auf­merk­sam­keits- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­ble­men auch psy­cho­ti­sche Sym­pto­me wie Wahn, Hal­lu­zi­na­tio­nen oder des­or­ga­ni­sier­tes Den­ken auf­tre­ten. Auch so­ge­nann­te Ne­ga­tiv­sym­pto­me wie An­triebs­man­gel, so­zia­len Rück­zug oder ver­flach­te Ge­füh­le kön­nen auftreten.

Sub­stanz­miss­brauch ist da­mit ein pro­ble­ma­ti­scher Um­gang mit Al­ko­hol, Can­na­bis oder an­de­ren Sub­stan­zen, der zu Kon­troll­ver­lust, ge­sund­heit­li­chen Fol­gen oder deut­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen im All­tag führt.

Sucht­er­kran­kun­gen oder Sub­stanz­kon­sum­stö­rung be­schreibt den Ge­brauch von Al­ko­hol, Me­di­ka­men­ten oder an­de­ren psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen in ei­ner Wei­se, die ge­sund­heits­schäd­lich ist oder zu deut­li­chen Pro­ble­men im All­tag führt.

Tic-Stö­run­gen sind plötz­li­che, wie­der­keh­ren­de, nicht rhyth­mi­sche Be­we­gun­gen oder Laut­äu­ße­run­gen, zum Bei­spiel Blin­zeln, Kopf­zu­cken, Räus­pern oder be­stimm­te Geräusche.

Zwangs­sym­pto­me kön­nen als Be­gleit­erkran­kung auf­tre­ten. Meist ste­hen Angst, in­ne­re An­span­nung, Zwei­fel und das Ge­fühl et­was tun zu müs­sen im Vor­der­grund. Das Ver­hal­ten dient dann eher der Angst­re­duk­ti­on, nicht pri­mär der Kom­pen­sa­ti­on von Un­auf­merk­sam­keit. Es kön­nen auch auf­drän­gen­de, be­las­ten­de Ge­dan­ken so­wie wie­der­hol­te Hand­lun­gen oder Kon­troll­ri­tua­le, die schwer zu un­ter­bre­chen sind vor­han­den sein. 

ADHS bei Frauen

ADHS bei Frau­en im Er­wach­se­nen­al­ter sieht oft an­ders aus, als vie­le Men­schen es er­war­ten. Die Kern­sym­pto­me sind die­sel­ben wie bei al­len Er­wach­se­nen mit ADHS, aber bei Frau­en zeigt sich das häu­fi­ger in ei­ner we­ni­ger auf­fäl­li­gen, stär­ker in­ter­na­li­sier­ten Form. Statt star­ker äu­ße­rer Un­ru­he oder im­pul­si­ven Ver­hal­tens ste­hen häu­fi­ger Un­auf­merk­sam­keit, in­ne­re Un­ru­he, Über­for­de­rung, Ver­gess­lich­keit, Des­or­ga­ni­sa­ti­on, emo­tio­na­le Er­schöp­fung und das Ge­fühl im Vor­der­grund, den All­tag nur mit gro­ßer An­stren­gung be­wäl­ti­gen zu kön­nen. Ge­nau des­halb wird ADHS bei Frau­en häu­fig spä­ter er­kannt

Vie­le Frau­en mit ADHS be­rich­ten nicht in ers­ter Li­nie über „Hy­per­ak­ti­vi­tät“, son­dern eher über ein stän­di­ges Ge­dan­ken­krei­sen, Schwie­rig­kei­ten mit Zeit­ma­nage­ment, Auf­schie­ben, Reiz­über­for­de­rung, emo­tio­na­le Re­ak­ti­vi­tät und das Ge­fühl, trotz ho­her An­stren­gung nicht an das ei­ge­ne Po­ten­zi­al her­an­zu­kom­men. Die­se Sym­pto­ma­tik wird im All­tag nicht sel­ten als Stress, Un­si­cher­heit, De­pres­si­on oder Angst miss­ver­stan­den. Da­durch kann sich der Lei­dens­weg bis zur rich­ti­gen Dia­gno­se deut­lich verlängern.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Be­reich ist die emo­tio­na­le Be­las­tung. Bei Frau­en mit ADHS wer­den häu­fi­ger Angst, de­pres­si­ve Sym­pto­me, emo­tio­na­le La­bi­li­tät, Scham, Über­for­de­rung und Selbst­wert­pro­ble­me beschrieben.

Im All­tag zeigt sich ADHS bei Frau­en oft nicht nur als Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem, son­dern vor al­lem als Stö­rung der Exekutivfunktionen . Ty­pisch sind Schwie­rig­kei­ten, Auf­ga­ben zu be­gin­nen oder ab­zu­schlie­ßen, Prio­ri­tä­ten zu set­zen, Fris­ten ein­zu­hal­ten, den Haus­halt oder Pa­pier­kram zu or­ga­ni­sie­ren, an Ter­mi­ne zu den­ken oder meh­re­re An­for­de­run­gen gleich­zei­tig zu steu­ern. Vie­le Be­trof­fe­ne wir­ken nach au­ßen lan­ge „funk­tio­nal“, be­zah­len das aber mit enor­mer An­stren­gung, Er­schöp­fung und Selbstzweifeln.

Neue­re Über­sichts­ar­bei­ten be­schrei­ben Hin­wei­se dar­auf hor­mo­nel­le Ein­flüs­se. ADHS-Sym­pto­me kön­nen sich bei Frau­en in be­stimm­ten Le­bens­pha­sen ver­än­dern oder ver­stär­ken, et­wa in der Pu­ber­tät, im Ver­lauf des Mens­trua­ti­ons­zy­klus, in der Schwan­ger­schaft bzw. Pe­ri­na­tal­zeit oder in der Pe­ri­me­no­pau­se und Me­no­pau­se.